Wildeshausen · Amsterdam · Java · 1807–1893
Das Leben von Johann Joseph Lambert Knagge (1807–1893) — in der Familie schlicht Lambert genannt — war eine Odyssee des 19. Jahrhunderts, die ihn aus einer kleinen niedersächsischen Stadt zu den Plantagen Ostindiens und wieder zurück führte und aus einem Jungen aus der Provinz einen weltgewandten Kaufmannsfürsten machte.
Der Schlag, der den Weg wies
Lamberts Weg begann mit einem Moment des Leids, der seine Widerstandskraft prägen sollte. Als begabter Schüler in Wildeshausen wurde er von einem brutalen Lehrer so heftig geschlagen, dass er auf einem Ohr für den Rest seines Lebens taub blieb. Die Verletzung nahm ihm nie den Mut; wenn überhaupt, schien sie eine rastlose Energie in ihm zu entfachen. Nach einer Reihe beruflicher Rückschläge in Europa — entlassen aus einer Amsterdamer Firma, weil er sich weigerte, niedere Arbeiten zu verrichten, dann von einem englischen Geschäftspartner betrogen — stand er schließlich an einer Amsterdamer Straßenecke, so gut wie mittellos, mit nur 1.000 Gulden in der Tasche.
Eine schicksalhafte Begegnung und die große Reise
Sein Glück wendete sich in einer Szene wie aus einem Roman des 19. Jahrhunderts. Beim Essen in seinem Stammlokal sprach ihn S. Zellweger an, ein Schweizer Textilkaufmann, der einen Agenten suchte, kühn genug, eine Ladung feiner Spitzen und Stickereien nach Ostindien zu bringen. Lambert zögerte nicht. 1838 ging er an Bord eines 500 Tonnen schweren Segelschiffs mit Kurs auf Batavia (das heutige Jakarta).
Eine solche Reise in den 1830er Jahren zu wagen hieß, aus der bekannten Welt zu verschwinden. Die Überfahrt dauerte 106 Tage — über den Äquator und um das Kap der Guten Hoffnung —, mit nichts als dem Wind und Lamberts eigenem Verstand als Wegweiser.
Das „gelehrte Wunder“ von Samarang
In Java angekommen, tat Lambert, was nur wenige europäische Kaufleute seiner Zeit auf sich nahmen: Er tauchte in die Kultur ein. Er beherrschte bald das Malaiische und widmete sich dann drei verschiedenen javanischen Dialekten. Den Einheimischen galt er als „gelehrtes Wunder“ — ein Fremder, der sprach wie ein Einheimischer.
Sein kaufmännischer Instinkt war ebenso scharf. Während rivalisierende Händler zusahen, wie ihre Rinderhäute in der tropischen Hitze verdarben, entwickelte Lambert ein Verfahren, die Häute für den Versand nach Europa zu salzen — und verdiente an jeder einen Gulden. Es war der Beginn seines Aufstiegs: Er wurde überaus wohlhabend und verwaltete mit der Zeit Zuckerplantagen und Niederlassungen seiner Firma über die ganze Insel.
„Den Einheimischen galt er als gelehrtes Wunder — ein Fremder, der sprach wie ein Einheimischer.“
Die Prinzessin und der Tiger
Lamberts Platz in der javanischen Gesellschaft wurde durch seine Heirat mit Lamia Bodjouorogo besiegelt — in der Familie überliefert als Tochter eines einheimischen Radja, eines Fürsten. (Ihr Name ist nur durch die Familienüberlieferung erhalten und wird andernorts als „Pamina“ wiedergegeben; im Archiv gilt er weiterhin als offene Frage.) Eine Geschichte fängt das exotische Drama jener Jahre ein: Während der Hochzeitsfeier soll ein Tiger in die Gesellschaft eingedrungen sein und den Bräutigam leicht verletzt haben — eine Narbe, die Lambert fortan als Andenken an sein neues Leben trug.
Doch dem Erfolg folgte die Tragödie. Kurz nach der Geburt ihrer Tochter Josephine — „Phina“ — im Jahr 1848 starb Lamia im Kindbett. Allein mit einem Säugling, in einem Klima, das sich gegen seine eigene Gesundheit zu wenden begann, erkrankte Lambert schließlich an Skorbut und wurde gewarnt, er müsse nach Europa zurückkehren oder dort sterben.
Überleben im Ärmelkanal
Seine Rückreise von 1851 erwies sich als noch gefährlicher als die Hinfahrt. Das Schiff wurde 22 Tage lang von einem Sturm gepeitscht, der die Masten brechen ließ und die Mannschaft fauliges, von Würmern befallenes Wasser trinken ließ. Dann, nahe dem Ärmelkanal, stieß es in dichtem Nebel mit einem anderen Schiff zusammen. Als sein Schiff zu sinken begann — in zwanzig Minuten versunken —, handelte Lambert mit verzweifeltem Mut: Er band seine kleine Tochter auf den Rücken ihrer einheimischen Amme und sprang. Sie wurden aus dem Wasser gezogen, zusammen mit seinen Truhen voller Wertsachen, Augenblicke bevor das Schiff in den Wellen verschwand.
Die „Knaggerei“: Ein Traum aus Stein
Lambert kehrte nach Wildeshausen zurück, nicht als der Junge, der gegangen war, sondern als ein Mann von Welt. Er kaufte zehn Morgen Land und machte sich daran, ein Haus zu bauen, das seinen Abenteuern entsprach. So entstand die Villa Knagge — im Ort „die Knaggerei“ genannt. In einer Stadt schlichter deutscher Häuser war sie ein Wunderwerk, das javanische Elemente — eine ausladende hölzerne Veranda, exotische Motive — in einen großzügigen spätklassizistischen Entwurf einband.
Er lebte dort noch vier Jahrzehnte: ein klarer, tatkräftiger Patriarch, der bis zu seinem Tod mit fünfundachtzig Jahren die Tageszeitung ohne Brille las. Seine Kinder trugen das Vermögen und die Geschichten, die er aus dem Osten heimbrachte, in neue Familienzweige nach München und Australien.
Das Haus überdauerte ihn um mehr als ein Jahrhundert. 1968 an die Pfarrei St. Peter verkauft und später als Kindergarten und Sozialzentrum genutzt, ging die Villa Knagge 2020 an einen privaten Eigentümer über, der sie zur Erhaltung übernahm — der Traum des Kaufmannsfürsten aus Stein, noch immer in Wildeshausen stehend.

Leave a Reply